2019.
Kein Märchen

Malerei, solidarisch gehandelter Biokaffee und Holzasche auf Papier, angekokelt. 18,7 x 29,7 cm. Fotografie, auf alter Holzkiste. Digitale Malerei, Stift-Display und Open Source Programm


Reddighausen, den 4. April 2019

Ein Märchen

Es war schon mal ein Wolf. Der Wolf suchte einen Ort, an dem er leben konnte. Also begab sich der Wolf, ganz seinen natürlichen Instinkten, auf die weite Wanderschaft nach einem geeigneten Lebensraum. Doch der Wolf fand keinen Lebensraum, weil die Menschen die Welt für sich beanspruchten. Inzwischen so hungrig und durstig auf seinen weiten Wegen, dachte der Wolf über sein Leben nach. Er wusste einfach nicht mehr, wo er noch hingehen sollte und verstand die Welt nicht mehr. So war er doch ein Lebewesen wie jedes andere. Um seine Bedürfnisse zu befriedigen, traute er sich in den Lebensraum der Menschen hinein, um nach Nahrung und Wasser zu suchen. Immer der Nase nach entdeckte er schließlich einen Brunnen mit frischem Wasser. »Hervorragend«, dachte der Wolf, »hieraus können alle Lebewesen trinken, die an diesem Ort leben. Doch wie komme ich an das Wasser, ohne in den Brunnen zu stürzen?«

Auf einmal kam ein kleines Mädchen an dem Brunnen vorbei. Es trug einen roten Umhang und hatte einen Korb bei sich, der voll gepackt war. Da sprach der Wolf zu dem Mädchen: »Liebes Mädchen, ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin. Ich finde einfach keinen Ort, an dem ich leben kann. Außerdem bin so hungrig und durstig. Gibst du mir etwas zu essen aus deinem Korb? Ich rieche köstliche Speisen. Um meinen Durst zu stillen, brauche ich Wasser. In diesem Brunnen ist genügend Wasser, nur komme ich nicht daran. Hilfst du mir?« Das Mädchen sprach zum Wolf: »Lieber Wolf, ich darf dir kein Essen und kein Trinken geben, denn das ist der Einkauf für meine Großmutter und der Brunnen gehört auch meiner Großmutter. Großmutter mag keine Fremden und sie möchte nichts abgeben.« Der Wolf respektierte das Mädchen und sprach: »Ich möchte deine Großmutter nicht verärgern, also gehe ich. Doch verstehe ich nicht. Ihr Menschen habt doch genügend Lebensraum, Nahrung und Wasser. Ihr seid genauso ein Teil der Welt wie ich es bin. Aber wo soll ich noch hingehen, es gibt keinen Ort an dem ich leben kann. Wenn nicht in der Natur, wo soll ich dann leben?« Das Mädchen schaute den Wolf mitfühlend an und sprach zum Wolf: »Lieber Wolf, ich verstehe dich. Ich kann dir vielleicht helfen einen Ort zu finden, an dem du in der Natur leben kannst. Mit genügend Essen und Trinken. In Ruhe und Frieden.«

Plötzlich stand die Großmutter neben dem Mädchen mit einer Flinte und schoss den Wolf tot. Der Boden färbte sich so rot wie der Mantel des kleinen Mädchens. Entsetzt von der Tat der Großmutter, ließ das Mädchen den Korb fallen. Der gesamte Einkauf verteilte sich auf dem Boden. Das Mädchen weinte und wusste nicht, was es sagen sollte, doch versuchte sie Worte zu finden: »Großmutter, warum hast du…«

Kein Märchen

Was wie ein Märchen klingen mag, ist kein Märchen. Es ist eine Debatte, die seit den letzten Jahren geführt wird. Die Wölfe wurden Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet und nun ist der Wolf wieder da. Derzeit leben geschätzte 800 Wölfe in Deutschland.¹ Nach etwa 100 Jahren glauben aber manche Menschen immer noch an alte Märchen und haben Angst, dass Wölfe ihre Kinder fressen werden.

Es gibt eine Partei in Deutschland, die gerne Märchen erzählt und sich vor allem dieses bekannte Märchen zunutze macht. Es wird hingegen behauptet, dass unsere Leitmedien viele Menschen dahingehend konditionieren, dass sie einen eher »romantischen Blick« auf den Wolf inzwischen haben.² Diese Behauptung ist schlichtweg falsch, da unsere Medien informieren, aufklären und diverse Meinungen der Kontroverse beleuchten. Diese Partei versucht Menschen hingegen zu einem Angstgefühl zu konditionieren. Die Lösungsvorschläge sind sehr drastisch: Zäune, Obergrenzen und Abschuss.³ Ich ziehe schon fast eine Parallele zur Debatte der Situation von Geflüchteten: Hier wurde ebenfalls über Zäune und Obergrenzen diskutiert. Fehlt nur noch der Abschuss.

Die Frage, ob Schaf oder Wolf, sei heutzutage für manchen in dieser Partei entscheidend. Einer entscheide sich lieber für den Wolf.⁴ Ich kann nur hoffen, dass manche Menschen aufhören an alte Märchen zu glauben und den wahren Wolf endlich erkennen, der die Kinder frisst.


Quellen

¹ DER SPIEGEL (online). 22. Juni 2018. Jagdverband geht von mehr als tausend Wölfen aus. https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/woelfe-in-deutschland-laut-jagdverband-mehr-als-tausend-tiere-a-1214376.html, letzter Abruf am 22. November 2022.

² Deutscher Bundestag. Stenografischer Bericht. 12. Sitzung. 02. Februar 2018. Seite 958-970: https://dserver.bundestag.de/btp/19/19012.pdf, letzter Abruf am 22. November 2022.

³ ZEIT ONLINE. 31. Januar 2016. AfD: Beatrix von Storch will doch nicht auf Kinder schießen. https://www.zeit.de/politik/2016-01/alternative-fuer-deutschland-beatrix-von-storch-petry-schusswaffen, letzter Abruf am 22. November 2022.

⁴ DER SPIEGEL (online). 24. Juni 2018. Auf National-Treffen der AfD: Björn Höcke spricht von Wölfen und Schafen – wie Goebbels. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-bjoern-hoecke-nutzt-goebbels-anspielung-beim-kyffhaeusertreffen-in-sachsen-anhalt-a-00000000-0003-0001-0000-000002539482, letzter Abruf am 22. November 2022.

Weiterführend

Deutscher Bundestag. Disput um die Population der Wölfe in Deutschland. https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2018/kw05-de-wolfspopulation-538094, letzter Abruf am 22. November 2022.